Anleger – Gehören Sie zu den besten 10%? Nein?

Haben Sie sich schon mal Gedanken über Ihr Anlageverhalten gemacht? Das Anlegerverhalten ist sehr wichtig. In der Tat ist es wahrscheinlich viel wichtiger als Geschick bei der Auswahl der richtigen Wertpapiere oder Produkte. Um zu verstehen, warum dies so ist, müssen Sie zunächst ein grundlegendes Konzept verstehen:

Anlagerenditen und Anlegerrenditen sind fast immer unterschiedlich.

Seit vielen Jahren arbeite ich fleißig als Anlageberater oder Finanzplaner. Meines Erachtens bestand meine Aufgabe immer darin, nach Anlagen zu suchen, die meinen Kunden überdurchschnittliche Renditen bringen. Darauf baute die gesamte Branche auf (und tut es heute noch) und genau dafür glaubten die Kunden, hätten sie mich beauftragt.

Überdurchschnittliche Renditen werden in der Branche als „Alpha“ bezeichnet, und es schien lohnenswert, auch nur ein wenig davon zu finden. Die Suche nach Alpha war der Grund, warum Investmentfirmen kluge Köpfe anstellten und ihnen größere Computer gaben als die „anderen“.

Irgendwann, vor ca. 5 Jahren wurde mir dann aber bewußt, dass es Alpha scheinbar immer nur auf Prospekten oder in der Theorie gab, aber fast nie in den Depots der Kunden die ich mir anschaute.

Auf der Suche nach Alpha, machte mich vor einigen Jahren ein Kollege auf eine kleine jährliche Studie von Dalbar aufmerksam. Diese Studie versucht herauszufinden, wie sich die Anleger im Vergleich zur durchschnittlichen Wertentwicklung einer Anlage geschlagen haben. Es werden also Anlagerenditen mit Anlegerrenditen verglichen.

Anlagerenditen, die Sie in der Zeitung oder im Marketingmaterial von Finanzdienstleistern sehen, basieren auf der Annahme, dass Sie zu Beginn des Berichtszeitraums einen Pauschalbetrag anlegen und diesen dann in Ruhe lassen. Sie kaufen oder verkaufen nicht. Sie ändern Ihre Meinung nicht und wechseln nicht in einen anderen Fonds. Sie kaufen nur einmal und halten.

Anlegerrenditen messen die reale Rendite. Die Rendite, die Sie verdienen, wenn Sie Ihre Anlagen kaufen und verkaufen oder von einer Anlage zur nächsten wechseln, wenn Sie mal wieder nach Alpha suchen.

Nun, solange Dalbar die Studien durchführt, seit 1994, ist das Ergebnis schockierend! Die Studie verwendet den S & P 500 als Beispiel für die „durchschnittliche Investition“. Für den Zeitraum von 20 Jahren bis 2016 betrug die durchschnittliche Anlagerendite 10,16%. Die durchschnittliche Anlegerrendite betrug 3,98%.

Die gut gemeinte Suche nach Alpha führt dazu, dass die durchschnittliche reale Person die Entwicklung der Anlage (S&P 500) um mehr als 6% verpasst. Das ist verrücktes Zeug. Vor allem in Zeiten, in denen vermehrt über Altersarmut und die Schwächen unseres Sozialsystems gesprochen wird. Machen Sie sich mal den Spaß und rechnen diese Renditedifferenz über einen Zeitraum von 20, 30, 40 Jahren aus.

DALBAR © 2017 QUANTITATIVE ANALYSIS OF INVESTOR BEHAVIOR

Als ich die Auswirkungen erkannte, änderte sich mein ganzer Job. Mir wurde klar, dass es beim Anlageerfolg fast gar nicht um Können geht, sondern um Verhalten. Leider habe ich bei meiner Recherche noch keine ernstzunehmende, meinungsbildende Zeitung gefunden, die auf dieses gravierende Problem nachdrücklich aufmerksam gemacht hat. Warum wohl…

Es stellte sich heraus, dass meine Aufgabe nicht darin bestand, großartige Anlagen mit möglichst großem Alpha zu finden, sondern großartige Anleger zu fördern. Wenn Sie nur gute (im Vergleich zu großartigen) Anlagen kaufen und sich dann korrekt verhalten, ändert sich alles.

Ich habe für mich entschieden, dass die Suche nach Alpha keine Rolle spielt (mittlerweile habe ich festgestellt, dass diese Suche sowie eine ziemlich dumme Idee ist), wenn Sie dabei nur wegen schlechten Verhaltens 6% verlieren.

Die komplexe Aufgabe, die besten Anlagen zu finden, überlasse ich den klugen Jungs mit den großen Computern. Ich konzentriere mich auf das einfache Problem, Menschen dabei zu helfen, sich richtig zu verhalten, damit Sie die Ziele erreichen, die ihnen wichtig sind.

Wenn Sie zu den besten 10% der privaten Anleger zählen möchten, geht es nicht darum, bessere Anlagen zu finden, sondern sich besser zu verhalten.

Und jetzt überlegen Sie, wie viel entspannter das Leben dadurch wird…

Wenn dies alles zutrifft (Seit 25 Jahren erzählen Studien die gleiche Geschichte), dann liegt der Fokus wirklich auf den wenigen Dingen, die Sie kontrollieren können. Wenn Sie das Thema interessiert, empfehle ich Ihnen das großartige Buch: „A Random Walk Down Wallstreet“ von Burton Malkiel. Die Erstausgabe ist aus Mitte der 70er Jahre – in 2019 in der x-ten Auflage erschienen.

Konzentrieren wir uns also auf die einfache, aber nicht leichte Aufgabe ein besserer Anleger zu werden.

Die Lehre ist, dass es beim Anlageerfolg nicht um Können geht. Es geht um Verhalten. Und das kann man lernen – oder sich dabei unterstützen lassen.